Hexenstich nähen: Unsichtbare Handstiche für Säume, Belege und deinen selbstgenähten Body
Wusstest du, dass ich im ersten Lehrjahr in der Damenschneider:in-Ausbildung erst einmal ausschließlich Handstiche nähen „musste“? Und auftrennen, aber das ist eine andere Geschichte.
Einen dieser Handstiche möchte ich dir hier besonders ausführlich vorstellen: den Hexenstich!
Diese Fingerfertigkeit nutze ich, heute gerne „freiwillig“, wenn mein Nähwerk etwas besonderes werden soll. Wie beim U-Boot-Ausschnitt meines Bodys aus dem Bodybaukasten oder am Rock „Glöckchen“ von Schwalbenliebe, den ich genäht habe.
Er kommt im Handwerk immer dann zum Einsatz, wenn die Naht auf der rechten Stoffseite „unsichtbar“, also als Naht nicht zu erkennen sein soll oder als Zierstich. Ich zeige dir diese handwerkliche Naht am Beispiel eines Saumes mit Beleg. Du kannst ihn aber auch an einem hochgeschlagenen Saum, einer eingeschlagenen Kante, zum Befestigen der Nahtzugabe oder zum Verbinden zweier Stofflagen verwenden.
Denn altes Schneiderhandwerk und moderne Lingerie passen erstaunlich gut zusammen.
Hexenstich am Body: Warum ich den U-Boot-Ausschnitt von Hand fixiere
Bei meinem Body kommt der Hexenstich an einer Stelle zum Einsatz, an der du ihn vielleicht nicht unbedingt erwartet hättest: am Ausschnitt.
Der U-Boot-Ausschnitt ist einer von drei Ausschnittvarianten in diesem eBook und wird mit einem Beleg verarbeitet. Der Beleg sorgt für eine saubere Ausschnittkante, soll sich beim Tragen aber natürlich nicht ständig nach außen schieben oder aus dem Ausschnitt hervorschauen.
Man könnte ihn sichtbar und halbelastisch absteppen, muss man aber nicht.
Ich fixiere ihn von Hand mit dem Hexenstich davon der linken Stoffseite aus. Dabei nehme ich vom Oberstoff jeweils nur sehr wenig Material auf. So bleibt die Befestigung auf der rechten Seite nahezu unsichtbar. Man sieht nur kleine Pünktchen in einem (im besten Fall) regelmäßigen Abstand.
Gleichzeitig liegt der Faden beim Hexenstich nicht straff auf dem Stoff. Die gekreuzte Stichführung bringt etwas Beweglichkeit mit. Genau das macht die Technik auch für einen elastischen Body interessant. Je weniger Spannung du auf den Stich bringst, desto flexibler bleibt der genähte Bereich.
Das Ergebnis ist eine saubere Ausschnittkante ohne sichtbare Steppnaht.
Solche Details sind für mich der Unterschied zwischen „irgendwie zusammengenäht“ und handwerklicher Verarbeitung mit Plan!

Du willst das selbst ausprobieren? Näh dir deinen eigenen Body
Genau dieser U-Boot-Ausschnitt gehört zu meinem #BelleVylle Body-Baukasten von k.triny lingerie*.
Und Baukasten meine ich tatsächlich so. Du bist nicht auf genau den Body festgelegt, den du hier siehst.
Du kannst zwischen drei Ausschnittvarianten wählen:
- einem tiefen V-Ausschnitt vorne mit eckigem Rückenausschnitt
- einem U-Boot-Ausschnitt vorne und hinten
- einem klassischen runden Ausschnitt vorne und hinten
Dazu kommt die Wahl der passenden Körperlänge. #BelleVylle gibt es für unterschiedliche Torsolängen, damit ein Body eben nicht einfach nur ein lang gezogenes Shirt mit Slip daran ist.
Hier findest du den #BelleVylle Body-Baukasten und kannst dir deine Variante selbst zusammenstellen.
Warum passen Handarbeit und moderne Lingerie überhaupt so gut zusammen?
Ob Overlock, Coverlock, elastische Stiche, moderne Funktionsmaterialien, beim Nähen von Unterwäsche hast du heute fantastische Möglichkeiten an der Hand, um ein perfektes Ergebis zu erzielen. Der Rest ist Routine und Technik.
Für mich bedeutet modernes Nähen zum einen traditionelles Handwerk und zum anderen moderne Techniken zu verbinden. Denn dann wird es richtig interessant für Hobbyschneiderinnen, die sich weiterentwickeln möchten. Dann stellt sich die Frage, welche Verarbeitung für das Material und den Entwurf die beste ist.
Entweder ist es die Overlock, oder die Zwillingsnadel oder eben eine feine Nähnadel, etwas Garn und ein Hexenstich, den ich bereits in meinr Ausbildung gelernt habe. Hier siehst du die Berichtsheftseite dazu.
Das ist genau die Art von Wissen, die ich bei k.triny* lingerie an dich weitergeben möchte. Ich möchte dir zeigen, dass es nicht nur wichtig ist eine Nähreihenfolge abarbeiten, sondern zu verstehen, warum eine Technik funktioniert und wo du sie für deine eigene Lingerie einsetzen kannst.

Der Hexenstich in meinem Ausbildungs-Berichtsheft von 2002
Tatsächlich begleitet mich dieser Stich inzwischen seit mehr als zwei Jahrzehnten. In meiner Ausbildung zur Damenschneiderin war er Pflichtprogramm. Heute gehört er zu dem handwerklichen Werkzeugkasten, aus dem ich ganz selbstverständlich schöpfe.
Deshalb zeige ich dir mein altes Berichtsheft hier ganz bewusst nich als nostalgischen Rückblick, sondern weil echtes Damenschneider-Handwerk kein Verfallsdatum hat.

Hast du Lust bekommen, den Hexenstich direkt an Lingerie auszuprobieren?
Im Body-Baukasten oder auch am Body #BelleVylle kannst du drei verschiedene Ausschnittvarianten umsetzen. Der hier gezeigte U-Boot-Ausschnitt wird mit Beleg gearbeitet und ist damit die perfekte Gelegenheit, die Technik direkt an deinem eigenen Body auszuprobieren.
Hexenstich am Saum: Alternative zu Saumstich und Blindstich
Du siehst: Der Hexenstich ist kein verstaubter Handstich, sondern eine richtig clevere Verarbeitung, wenn etwas sauber, flexibel und möglichst unsichtbar befestigt werden soll. Und er kann noch mehr als Belege am Body. Auch an einem klassischen Saum ist er eine tolle Alternative zum Saumstich oder Blindstich.
Du benötigst hierzu Nadeln oder Klammern um den Saum fest zu stecken (je nach Stoffart kannst du ihn auch vor dem Säumen bügeln), ein Garn zum fixieren mit einem Heftstich / Vorstich, eine dünne Nähnadel, die zum Material passt. Die Länge ist Geschmacksache, ich nutze meist eine recht kurze, feine Nadel. Und farblich abgestimmtes Nähgarn. Auch dieses kann auf das Material abgestimmt werden. Hier gilt, wie auch bei der Nadelstärke: je feiner das Material (z.B. Seidenchiffon im Gegensatz zu Wollstrick), desto feiner die Nadeln und Garn.
Hexenstich am Saum: die Alternative zum klassischen Saumstich
Der Hexenstich funktioniert nämlich nicht nur zum Befestigen eines Belegs. Du kannst ihn auch wunderbar für einen von Hand genähten Saum verwenden. Statt den Saum mit einem klassischen Saumstich oder Blindstich zu befestigen, arbeite ich dabei mit den überkreuzten Stichen des Hexenstichs.
Gerade wenn die Naht auf der rechten Stoffseite möglichst unsichtbar bleiben soll, ist das eine schöne handwerkliche Alternative. Wichtig ist auch hier, dass du beim Oberstoff nur ganz wenige Fasern aufnimmst und den Faden nicht fest anziehst. So bleibt der Saum beweglich und auf der Außenseite sind im Idealfall nur winzige oder gar keine Einstiche zu erkennen.
Genau so habe ich den Hexenstich auch bei meinem Rock Glöckchen von Nikolett von Schwalbenliebe eingesetzt. Glöckchen ist ein Rockschnitt für Webware mit Faltenlegung und feiner Passe. Den Schnitt gibt es aktuell in den Größen 32 bis 58.

Auch an einem klassischen Saum funktioniert der Hexenstich wunderbar als Alternative zum Saumstich oder Blindstich.

Je feiner Stoff, Nadel und Garn aufeinander abgestimmt sind, desto unauffälliger wird der Handstich auf der rechten Stoffseite
Handarbeit und moderne Wäsche passen ziemlich gut zusammen
Beim Nähen von Unterwäsche und Bodys denken wir schnell an elastische Stiche, Overlock, Coverlock und spezielle Gummiverarbeitungen. Trotzdem gibt es Stellen, an denen eine Handnaht die schönere Lösung sein kann. Gerade bei einem Beleg möchte ich nicht immer eine sichtbare Steppnaht auf der rechten Stoffseite haben. Mit einem Handstich kann ich sehr gezielt arbeiten und selbst bestimmen, wie viel vom Oberstoff ich überhaupt erfasse.
Das Schöne daran: Du musst dich beim Nähen nicht zwischen traditionellem Schneiderhandwerk und moderner Verarbeitung entscheiden. Du darfst dir aus beiden Welten genau das nehmen, was für dein Projekt funktioniert. Mein Body-Baukasten ist dafür ein schönes Beispiel, denn je nach Ausschnitt und Material kannst du unterschiedliche Verarbeitungstechniken ausprobieren und miteinander kombinieren.
Auch Nadel und Garn spielen dabei eine größere Rolle, als man zunächst denkt. Gerade bei feinen oder elastischen Stoffen sollten sie möglichst gut zum Material passen. Mehr dazu findest du in meinem Beitrag „Garne zum Nähen von Wäsche„.
Kann man den Hexenstich auch bei Jersey und elastischen Stoffen verwenden?
Gerade bei einem Body oder einem feinen Shirt kann der Hexenstich eine schöne Lösung sein, wenn du beispielsweise einen Beleg möglichst unsichtbar befestigen möchtest. Entscheidend ist, dass du den Faden nicht straff anziehst und beim Einstechen in den Oberstoff wirklich nur wenige Fasern aufnimmst. So bleibt die Stelle beweglich und der Stich fällt auf der rechten Stoffseite kaum auf.
Der Hexenstich ersetzt keine elastische Verbindungsnaht, wie zum Beispiel eine Seitennäht oder ähnliches. Ich nutze ihn hier zum Fixieren des Belegs, nicht um zwei stark beanspruchte Stoffteile dauerhaft miteinander zu verbinden. Bei einem neuen oder sehr feinen Material lohnt es sich außerdem, Nadel, Garn und Stich zuerst an einem Reststück auszuprobieren.
Das finde ich deutlich wertvoller als noch einen Absatz nach dem Motto „Handarbeit ist toll“. Denn genau diese Abgrenzung fehlt bisher: Du erklärst zwar schon, warum die lockere Stichführung beim elastischen Body funktioniert, aber noch nicht so klar, wofür der Hexenstich an Jersey geeignet ist und wofür eben nicht.





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