Französische Naht nähen: Anleitung für feine Stoffe & Wäsche
Kreiere selber deine saubere Innenverarbeitung mit der Französischen Naht für feine Stoffe, Spitze und Wäsche.
Die Französische Naht, auch Rechts-Links-Naht genannt, begleitet mich schon seit meiner Ausbildung zur Damenschneiderin. Bis heute nutze ich sie immer dann, wenn Stoffkanten fein, empfindlich oder ausfransungsfreudig sind und ich trotzdem eine hübsche, angenehme Innenverarbeitung erzielen möchte.
Deshalb ist sie für mich nicht nur bei Wäsche, Spitze, Organza und anderen transparenten Stoffen eine ziemlich schöne Lösung, sondern auch immer dann, wenn die Innenansicht eines Kleidungsstücks für mich mit zum Gesamtbild gehört.

Was ist eigentlich eine Französische Naht?
Lustigerweise konnte ich bis heute nicht wirklich herausfinden, warum sie ausgerechnet „französisch“ heißen soll. Noch schöner wird die Geschichte allerdings dadurch, dass sie im Französischen als „couture anglaise“, also als englische Naht, bezeichnet wird. Ein absoluter FUNFACT!
Versteh einer also die Deutschen. Und die Franzosen gleich mit.
Technisch ist die Sache zum Glück wesentlich eindeutiger: Bei der Französischen Naht werden die offenen Stoffkanten vollständig im Inneren der Naht eingeschlossen. Deswegen wird sie auch Rechts-Links-Naht genannt.
Vorteil:
Die Stoffkante verschwindet vollständig in der Naht. Keine offene Kante, kein Ausfransen, keine sichtbare Versäuberung.
Warum ich diese Naht bis heute benutze
Diese Nahtart begleitet mich schon seit meiner Ausbildung zur Damenschneiderin im Handwerk, also eigentlich von Anfang an.
Deshalb greife ich bis heute gerne darauf zurück, wenn ich besonders fragile Materialien oder Stoffe mit hoher Ausfransungsgefahr verarbeite. Gleichzeitig entsteht eine sehr saubere und hautfreundliche Innenverarbeitung, weshalb die Französische Naht auch bei Lingerie und Dessous eine kleine Wundernaht sein kann.
Außerdem hat sie bei transparenten Stoffen einen weiteren Vorteil: Die Naht darf sichtbar sein, ohne unfertig auszusehen.

Die Französische Naht und ich kennen uns schon eine Weile
Sogar in meinem alten Berichtsheft aus der Ausbildung taucht sie bereits auf. Damals hätte ich vermutlich nicht gedacht, dass ich Jahrzehnte später selbst erklären würde, wie diese Naht verarbeitet wird, Videos darüber drehe und sie in meinen eigenen Schnittmustern verwende. Aber genau so ist es gekommen.
Soll ich dir erklären, was eine „Systematische Unterweisung“ ist?
Diese Bezeichnung war mir bis 2015 auch nicht geläufig. Das änderte sich mit der Ausbildung zur Ausbilderin im Damenschneiderhandwerk.
Zur praktischen Prüfung musste ich also ein „Konzept zur Ausführung einer systematischen Unterweisung“ erarbeiten. Das klingt zwar ziemlich steif, ist es aber eigentlich gar nicht. Im Grunde geht es darum, einem Azubi in einer geplanten Unterrichtseinheit etwas beizubringen.
Deshalb lag für mich natürlich nahe, meine Unterweisung mit meiner damaligen Praktikantin an einem kleinen, feinen, wäschigen Nähwerk durchzuführen.
Die Liebe zu der Französischen Naht
Ich entschied mich dazu, die „Französische Naht“ anhand eines Spitzenstrings aus meinem Sortiment zu lehren. Damit hatte ich die Prüfer gleich für mein Lieblingsthema begeistert (strategische Unterrichtsvorbereitung). Diese Nahtart ist einfach eine meiner Lieblingsnähte und begleitet mich seit meiner Ausbildung zur Damenschneiderin. Bähm! 100 Punkte, die Prüfer waren begeistert, Drops gelutscht, praktische Prüfung erledigt. In Wirklichkeit waren es einige Stunden an Vorbereitung, filmreifes Training für den Tag X mit meiner Praktikantin und ein schriftliches Konzept von 16 Seiten, das sich ausschließlich mit der Durchführung einer einzigen Nahtart beschäftigt.
Bingozahlen-Ziehung
Für den Laien sicher nicht interessanter als die Bingo-Zahlen im Altersheim. Für uns hier, die wir die Liebe zum Schneidern miteinander teilen, sieht die Sache allerdings anders aus. NEIN, es ist ein spannendes Unterfangen äußerster Präzision …! Okay, ich neige zur Übertreibung.
Jedenfalls kannst du dir nach einer solchen Unterweisung ungefähr vorstellen, wie das Damenschneiderhandwerk in Deutschland gelehrt wird. Da herrschen Zucht, Ordnung und ein Paragraphen-Potpourri, das seinesgleichen sucht.
Die Einzelheiten erspare ich dir trotzdem. Meine Arbeitszergliederung zeige ich dir aber sehr gerne.
Aus meinem Prüfungsordner für dich
Für meine Ausbilderinnenprüfung 2015 habe ich die Französische Naht tatsächlich bis ins kleinste Detail zerlegt: Arbeitsschritt für Arbeitsschritt und jeweils mit der Begründung, warum dieser Schritt genau so ausgeführt wird.
Einen Teil dieser ursprünglichen Arbeitszergliederung habe ich für dich neu und lesbarer aufbereitet. Die fachlichen Inhalte, Arbeitsschritte und Begründungen stammen aus meiner eigenen systematischen Unterweisung im Damenschneiderhandwerk.
Wenn du gerne etwas genauer wissen möchtest, warum eine Verarbeitung so aufgebaut ist und nicht nur, wie sie funktioniert, kannst du dir das Handout hier herunterladen.
Genug Prüfungstheorie. Jetzt schauen wir uns an, wie die Französische Naht tatsächlich genäht wird.

Wann ist die Französische Naht sinnvoll?
Gut geeignet für:
- Organza und transparente Stoffe
- feine Webware
- Spitze und Tüll
- Stoffe mit hoher Ausfransungsneigung
- feine Innenverarbeitung bei Wäsche
- sichtbare Innennähte, bei denen die Verarbeitung schön aussehen soll
Wann würde ich sie eher nicht verwenden?
Bei sehr dicken oder voluminösen Stoffen würde ich nicht unbedingt zur Französischen Naht greifen. Durch die doppelte Verarbeitung entstehen mehrere Stofflagen und damit zusätzliche Dicke.
Auch dort, wo eine Naht sehr stark gedehnt werden muss, sollte man vorher prüfen, ob diese Verarbeitung wirklich die sinnvollste Lösung ist.
So fertigst du eine Französische Naht

Schritt 1: Links auf links zusammennähen
Zunächst legst du die beiden Stofflagen links auf links aufeinander. Anschließend fixierst du die Kante mit Stecknadeln und nähst die erste Naht. In meinem Beispiel arbeite ich mit 4 mm Nahtbreite. Bei elastischen Materialien verwende ich dafür einen Dreifach-Steppstich, bei Webware reicht ein einfacher Steppstich.
Tipp: Verwende bei feiner Spitze oder anderen feinen Materialien ein Stück Seidenpapier als Unterlage während des Nähens. Entferne es nach dem Nähen wieder.
Ergänzung zur Nahtzugabe: Wenn dein Schnittmuster andere Nahtzugaben vorsieht, orientierst du dich natürlich daran.

Schritt 2: Naht auseinanderlegen
Danach faltest du die Nahtzugabe auseinander. Je nach Material kannst du sie vorsichtig bügeln oder mit dem Fingernagel ausstreichen. Anschließend legst du die Stofflagen rechts auf rechts aufeinander und drückst die Kante schön flach.

Schritt 3: Zweite Naht setzen
Jetzt fixierst du die Naht bei Bedarf erneut mit Stecknadeln. Anschließend setzt du die zweite Naht so, dass die erste Nahtzugabe vollständig im Inneren eingeschlossen wird. In meinem Beispiel liegt die zweite Naht bei 7 mm.

Schritt 4: Fertige Französische Naht
Dadurch liegt die komplette Nahtzugabe jetzt sauber im Inneren. Von außen sieht man dagegen lediglich eine normale Naht, während innen keine offene Stoffkante mehr vorhanden ist.

Technische Zeichnung
Oben siehst du das Nahtschaubild, darunter das Nahtsymbol. Solche technischen Darstellungen werden im Handwerk und in der Bekleidungsindustrie verwendet, um Nahtarten eindeutig zu kennzeichnen.

Die Französische Naht ist nicht nur etwas für Spitze oder Organza. Auch bei sehr feinen Jerseys und anderen leichten Wäschematerialien kann sie eine schöne Möglichkeit sein, offene Kanten sauber im Inneren verschwinden zu lassen.
Entscheidend ist deshalb weniger die Stoffart als vielmehr die Frage, wie fein, weich und voluminös das Material ist und ob die zusätzliche Stofflage an dieser Stelle sinnvoll bleibt.
Französische Naht im Video
Bilder sind hilfreich. Bei manchen Verarbeitungsschritten versteht man aber in Bewegung einfach schneller, was passiert. Deshalb habe ich die Fertigung der Französischen Naht noch einmal neu aufgenommen.
Wo ich die Französische Naht selbst einsetze
Ich mag diese Naht gerade deshalb so gerne, weil sie zeigt, wie viel Unterschied eine Verarbeitung machen kann.
Sie ist nicht spektakulär. Sie braucht keine Spezialmaschine. Und trotzdem kann sie aus einer einfachen Naht eine wirklich schöne Innenverarbeitung machen.
Vielleicht begegnet sie dir beim nächsten transparenten Stoff jetzt mit etwas anderen Augen.
Herzlichst,
deine Katriny*







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